Köln, 23.01.2012, 17:30 Uhr > Nach drei Jahren ging zum Jahreswechsel das Sozialprogramm des Bundes „Stärken vor Ort“ zu Ende. Weil die Förderung durch den Bund ausgelaufen ist, fehlt es nun an Geldern. Dabei sei der Bedarf für die Projekte durchaus da.
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Das Geld ist weg. Darum müssen die Projekte beendet werden. Das war der Grundtenor auf der heutigen Nachbesprechung der Projektträger des Programms „Stärken vor Ort“ in Köln-Chorweiler. Das Bundesprogramm war 2009 in 280 Kommunen in Deutschland gestartet, auch in Köln. Dort unter anderem im Stadtteil Chorweiler. Das Programm wurde vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert und auf jugend- und gleichstellungspolitische Ziele ausgerichtet. „Stärken vor Ort“ unterstützte die soziale, schulische und berufliche Integration von benachteiligten jungen Menschen und Frauen mit Problemen beim Einstieg und Wiedereinstieg in das Berufsleben.
Im Rahmen von lokalen Aktionsplänen konnten an bundesweit 280 Standorten rund 9.000 wohnortnahe Mikroprojekte durchgeführt werden. In Köln-Chorweiler wurden 36 Mikroprojekte durchgeführt. So half etwa der Verein „Echo – engagiert in Chorweiler“ Frauen, einen Ausbildungsplatz oder ein Praktikum zu bekommen. „Transfer e.V.“ organisierte eine Gewaltprävention als Teil der Werteerziehung. Insgesamt hätten 1.001 Menschen an den Projekten teilgenommen, erklärte Martina Zuber-Goljuie von der leitenden Koordinationsstelle.
Das Geld ist weg – die Projekte auch
Insgesamt bekam Chorweiler für jedes Jahr 70.000 Euro vom Bund gestellt, errechnet an der Einwohnerzahl des Stadtgebietes. Damit wurden die Mikroprojekte gefördert. Weil die Bundesförderung nun ausgelaufen ist, müssen die Projekte beendet werden. „Ohne Fördermittel können wir uns das nicht leisten“, sagte Udo Juchems von „Echo“. Darin stimmten alle anwesenden Verantwortlichen überein.
Eine Nachhaltigkeit würde so nicht entstehen, obwohl der Bedarf durchaus da sei. Angelika Bahls, Mitarbeiterin der „Freunde des Interkulturellen Zentrums – FIZ“ forderte Maßnahmen. Das Finanzierungssystem für Sozialprojekte wie „Stärken vor Ort“ müsse dringend überarbeitet werden. „Wir brauchen ein Regelfinanzierungssystem. Ohne es kann keine Nachhaltigkeit gewährleistet werden“, so Bahls und weiter: „Es bestimmten nicht mehr wir vor Ort – also die Experten – was gemacht und gebraucht wird, sondern die Politik.“
Die soziale Arbeit sei dadurch sehr unsicher geworden. „Der Bedarf wird nicht bedient, sondern er wird geschaffen“, so das vernichtende Urteil. Die Bereitschaft, die Aktionen und Projekte weiterhin durchzuführen, sei jedoch grundsätzlich da. Jedoch dürfe sich die gestellte Summe nicht an der Einwohnerzahl orientieren, sondern an dem tatsächlichen Bedarf. „Der spontane Abbruch mitten in den Projekten ist ebenfalls mehr als ungünstig“, so Bahls. Auch ein abschließender Bericht für die Vereine und Initiativen werde es nicht geben.
„Es war gut“
Neben großer Kritik an der Finanzierung fand sich trotzdem Lob. „Natürlich werden die Projekte fehlen. Aber es ist gut, was gelaufen ist“, so Zuber-Goljuie. Auch Klaus-Martin Ellerbrock, Sozialraumkoordinator der Stadt Köln, schloss sich dem an: „Es wurden Gruppen einbezogen, die sonst nicht einbezogen worden wären.“ So seien von denn 1.001 Teilnehmern 759 unter 25 Jahre gewesen. 389 Teilnehmer waren Frauen. „Jugendlicher sind fordernder“, erklärte Zuber-Goljuie den niedrigen Altersdurchschnitt. Die Rate der Teilnehmer mit Migrationshintergrund habe bei 76% gelegen. „Wir haben schließlich 120 Nationalitäten hier in Chorweiler“, sagte Zuber-Goljuie.
Im Rahmen eines Seminars besuchten Schüler der
achten Klasse der Ursula-Kuhr-Schule das NS-Dokumentationszentrum
EL-DE-Haus am Appellhofplatz. Der interessante aber auch schockierende
Ausflug vermittelte den Schülern wichtige Erkenntnisse.
Die Schüler der 8d der Ursula-Kuhr-Schule
in der Rolle der deutschen Nationalmannschaft. Nach der Ideologie von
Rechtsextremisten bestünde sie nur noch aus vier Spielern. (Bild: Pabst)
Innenstadt/Heimersdorf -
An den Wänden der winzigen Zelle haben die einstigen Insassen
handgeschriebene Botschaften hinterlassen: Auf Serbisch, Polnisch,
Russisch, Französisch oder Englisch. Es sind Mitteilungen für enge
Verwandte, für die Freunde und Familie, jede einzelne ist mindestens 66
Jahre alt. Die Schüler der Klasse 8d der
Ursula-Kuhr-Schule
aus Heimersdorf, in der der Anteil von Schülern mit ausländischen
Wurzeln auf 50 Prozent geschätzt wird, stehen vor den engen Zellen,
entziffern die Inschriften an der Wand und lauschen den Ausführungen
ihres Geschichtslehrers Markus Thulin.
Im Rahmen eines Seminars besuchen sie das NS-Dokumentationszentrum
EL-DE-Haus am Appellhofplatz, das zugleich das ehemalige Hauptquartier
der Kölner Gestapo ist: "Wir führen diese Seminare hier zum ersten Mal durch", sagt Klassenlehrerin Alexandra Nowak. "Diese Transparenz ist im Unterricht so nicht möglich."
Interessiert und geschockt
Die 19 Schüler im Alter zwischen 13 und 14 Jahren zeigen sich
interessiert und geschockt von den Bedingungen, unter denen die
Gefangenen leben mussten. "36 Menschen haben damals in so einer winzigen
Zelle gehockt, zu essen gab es Wassersuppe mit Sägespänen." "Wie
asozial!", ruft einer der Schüler laut. "Warum waren die denn überhaupt
hier eingesperrt?" "Weil ihnen beispielsweise Sabotage vorgeworfen
wurde", erläutert Markus Thulin. "Sie wurden hier nicht wie Menschen
behandelt, nicht einmal wie Tiere, sondern wie Müll."
Dann sind die Schüler selbst an der Reihe, schwierige Fragen zu beantworten - unter der Leitung von Hans-Peter Killguss,
der im Info- und Bildungszentrum des Dokumentationszentrums Seminare
anbietet, die sich unter anderem mit der Neonazi-Szene beschäftigen. Die
Jugendlichen sind aufgefordert, auf Plakaten sowie in rechtsextremen
Liedern und Slogans die rassistischen Hintergründe zu entlarven.
„Ich bin Kölner“
Dann nimmt jeder Schüler die Rolle eines Fußballnationalspielers an. Und
sie lernen dabei, dass nach den Gesichtspunkten rechtsextremer
Populisten nur noch ganze vier Spieler, die keine ausländischen Wurzeln
haben, für Deutschland auflaufen dürften. "Wir haben dieses Seminar
schon mit mehreren Klassen durchgeführt", sagt Markus Thulin. "Am Ende
fehlen viele Lieblingsspieler wie beispielsweise Lukas Podolski."
In einem anschließenden "Interview" antworteten die Schüler häufig ganz
einfach auf die Frage, wer sie seien: "Ich bin Kölner." Und damit ist
das Ziel des Seminars
erreicht, so Markus Thulin: "Dabei zeigt sich, dass niemand einem
vorschreiben kann, wer man ist und wie man sich definiert. Das muss
jeder für sich selbst feststellen."
In der Ausstellung „Minsche us Wurringe“ zeigt
das Heimatarchiv Worringen historische Fotos der Einwohner von Anfang
bis Mitte des vergangenen Jahrhunderts. Viele Besucher der Ausstellungen
erkennen sich selbst auf den Fotos wieder.
Worringen -
Stattlich sehen sie aus, die Haare akkurat frisiert, die Arme in die
Hüften gestemmt, Brust raus, Bauch rein. Einer kann sich ein leichtes
Schmunzeln nicht verkneifen. Vor allem aber sind sie stolz. Die
Fotografie aus dem Jahr 1922 zeigt fünf Sportler des Schwimmvereins
Worringen, die gerade einen damals jährlich ausgetragenen Wettkampf
bestritten haben: Das Stromschwimmen. Dafür haben sie sich genau dort in
den Fluss gestürzt, wo heute – an der Anlegestelle der Fähre nach
Hitdorf – tragischerweise manchmal Autos ungebremst in den Rhein fahren.
Ziel der Sportler war der Worringer Hafen, etwa drei Kilometer
stromabwärts.
Das Bild ist eines von rund 100 historischen Fotografien von Anfang bis
Mitte des vergangenen Jahrhunderts, die das Heimatarchiv Worringen
derzeit in seinen Räumen am Breiten Wall ausstellt. Aufnahmen, die durch
Sepia-Farbtöne und mitunter leicht ausgefranste Kanten eine charmante
Patina bekommen. Sie stammen aus dem inzwischen mehr als 2500 Fotos
umfassenden Fundus des Archivs. Thema der Ausstellung sind die Worringer
Einwohner selbst, darauf verweist auch der schlichte Titel der Schau:
„Minsche us Wurringe.“
Zu sehen sind Herren mit Westen und imposanten Schnauzbärten, Damen in
ausladendenden Sonntagskleidern und großen Hüten, für die Kamera artig
zurecht gemachte Kinder, alte Karnevalsschnappschüsse, Menschen an ihren
Arbeitsstätten, bei Kommunionsfeiern und Porträts. In mühevoller Arbeit
haben die Hobbyhistoriker
des Heimatarchivs Entstehungsdatum der Bilder, Anlass und Namen der
abgebildeten Personen recherchiert – soweit dies möglich war. „Bei
einigen Fotos haben wir nicht alle Informationen bekommen können“, sagt
Hans-Josef Heinz, Leiter des Archivs.
„Damals gab es in Worringen mehr Ziegen als Menschen“
Manche Geschichte hinter den Aufnahmen hatten die Stadtteil-Historiker
in einem ganz persönlichen Archiv gespeichert: Ihren Erinnerungen. So
wie zum Beispiel beim Bild des Ziegenzüchters Franz Hüsch von 1930.
Mächtig stolz steht er da, mit drei seiner schönsten Tiere sowie seiner
Frau und drei Kindern. „Damals gab es in Worringen mehr Ziegen als
Menschen. Hüsch war der beste Ziegenzüchter im Ort“, weiß Heinz. Im
Veedel hätten sie ihn „Kutscher“ genannt, weil er den damaligen
Bürgermeister Worringens, das zu dieser Zeit noch nicht zu Köln gehörte,
regelmäßig mit einem Gespann zu Terminen und wieder nach Hause
chauffierte.
Eine großartige Fotografie ist das Porträt des Fährmanns Josef Bachem,
genannt „Lutze Jöpp“, von 1935. Er war der Letzte, der kommerziell mit
einem Boot zwischen Worringen und dem anderen Rheinufer pendelte. Das
Bild zeigt ihn im Profil, wodurch sein stattlicher Bauch, die Mütze und
die lange Pfeife gut zur Geltung kommen. Eine fast kunstvolle
Bildkomposition, auch wenn dem Zeitdokument eine gewisse fototechnische
Finesse abgeht.
„Früher ging ein Fotograf durch die Straßen und sagte den Leuten:
»Morgen komme ich und fotografiere. Wer will, soll 20 Pfennig fürs Foto
mitbringen«“, erzählt Heinz. Auf diese Art seien Gruppenbilder zustande
gekommen, bei denen sich Bewohner ganzer Straßenzüge gemeinsam haben
ablichten lassen. Manchmal haben die Anwohner all ihre Kinder – vom
Babys bis zum Schüler – auf einen Schlag vor die Linse geschoben. Mit
diesen Sammelfotografien haben die Archiv-Spezialisten eine kleine Serie
zusammengestellt. „Unmöglich, hier alle Namen der Gezeigten zu
ermitteln“, sagt Heinz. Deshalb haben es die Historiker erst gar nicht
versucht und unter die Bilder einfach „Wurringer Pänz querbeet“
geschrieben.
Erster Rosenmontagszug nach dem Krieg: Uniformen als Kostüm
Auch die Namen von zwei jungen Frauen in Marine-Uniformen waren nicht zu
ermitteln. Nur, dass das Bild am Tag des ersten Rosenmontagszugs in
Worringen nach dem Krieg im Jahr 1948 entstand und die Uniformen
folglich als Kostüm dienten. Kess blicken sie in die Kamera, und Mut
haben sie sicherlich auch gehabt. „Sie tragen Hosen, das war in dieser
Zeit nicht eben üblich für Frauen“, sagt Heinz. Die älteste Aufnahme
stammt aus dem Jahr 1907. Sie zeigt das kleine Mädchen Gertrud Esser und
ist offensichtlich eine fotografische Auftragsarbeit. Fein zurecht
gemacht wurde die junge Dame, mit heller Haube, dunklem Mantel, weißem
Schal und Gamaschen über den Schuhen. Und wenn man schon mal zum
Fotografen ging, dann musste auch der Hund mit drauf.
„Viele unserer Besucher erkennen sich selbst auf den Bildern wieder,
oder Verwandte und Bekannte“, berichtet Heinz. Dann flögen die
Geschichten aus dem Veedel nur so durch den Raum. „Ach ja, stimmt, weißt
Du noch?“, erzählen sie dann. „Auch das hilft bei der Recherche“, so
Heinz, „die Leute sehen sich oder andere auf den Bildern. Das würden wir
anders nie herausfinden.“